Das Resilienz-Management der oberdeutschen Hochfinanz im Kommerzialisierungsprozess: Die Fugger, Imhoff, Paumgartner, Behaim und Rehlinger, ca. 1520–1630

Projektleiter: Prof. Dr. Markus A. Denzel
Projektmitarbeiterin: PD Dr. Mechthild Isenmann
Kooperationspartner: Prof. Dr. Dietmar Schiersner, PH Weingarten / Fugger-Archiv Dillingen

Der Kommerzialisierungsprozess des 16. Jahrhunderts beeinflusste die Unternehmen der oberdeutschen Hochfinanz, die sich seit dem 14. Jahrhundert herausgebildet hatte, in doppelter Weise: Zum einen machte er enorme Anstrengungen erforderlich, um das jeweilige Unternehmen so resilient werden zu lassen, dass es im relativ kleinen Kreis der internationalen Hochfinanz dauerhaft bestehen konnte (≈ecosystem resilience). Und zum anderen war er ein Antrieb dafür, dass sich große Handels- und Montanunternehmen mehr und mehr aus ihrem bisherigen Geschäftsbereich zurückzogen und im Sinne von Innovationsmanagement auf Finanzgeschäfte verlegten, eben um ihr Unternehmen resilient zu machen (≈engineering resilience).

Dies lässt sich am Augsburger Handels- und Bankhaus Fugger exemplarisch verdeutlichen: Es war spätestens seit der Wahl Karls V. 1519 Teil der deutschen Hochfinanz, musste sich – nach der Schlacht von Mohacs 1526 als zentralem disruptiven Ereignis in seinem bisherigen Geschäftsfeld nachhaltig beeinträchtigt – dort behaupten, suchte nach neuen Möglichkeiten zur Kapitalanlage und drang mit seinem Engagement für die spanischen Kronfinanzen immer weiter in den Kreis der europäischen Hochfinanz vor. Es wird daher die forschungsleitende These aufgestellt, dass die allmähliche Herauslösung einer großen Unternehmung aus ihren traditionellen Handlungssektoren unter Hinwendung zur Kapitalanlage in (Staats-)Finanzgeschäften trotz der hohen Risiken ebenso eine zentrale Resilienz-Strategie sein konnte wie die Geldanlage in Boden und sozialem Kapital. Diese Strategien wurden freilich von anderen Adaptionen – v.a. der Intensivierung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und dem sukzessiven Übergang zu einer (weitgehend) doppelten Buchführung – begleitet.
Diese These wird an fünf herausragenden oberdeutschen Handelshäusern überprüft, die sämtlich der Hochfinanz angehörten und auch miteinander in Geschäftsbeziehungen standen. Dabei wurde den Fuggern seit dem ausgehenden 19. Jh. die größte Aufmerksamkeit der Wirtschaftshistoriker zuteil, wobei eine systematische Untersuchung aller vorhandenen buchhalterischen Unterlagen nach Inhalt und formaler Gestaltung bislang nicht erfolgt ist. Somit sind weder die unternehmensinterne Entwicklung noch der Stand der Buchhaltungstechnik in hinreichender Detailliertheit erforscht, was für die Zeit nach 1560 noch stärker als die Jahrzehnte zuvor gilt. Für die übrigen Unternehmungen sind überhaupt erst einige wenige Ansätze zu einer vertiefenden Erforschung unternommen worden und allenfalls ein Bruchteil des verfügbaren Quellenmaterials ausgewertet. Für sämtliche Unternehmen wird die verfügbare buchhalterische Überlieferung und Korrespondenz, die Testamente und Gesellschafterverträge sowie die (gedruckt vorliegenden) Handelspraktiken der Paumgartner und der Fugger insoweit herangezogen, als sie direkt oder indirekt nähere Aussagen zum jeweiligen Resilienz-Management zulassen.
Allein die (wiederholte) Anfertigung von übergreifenden Rechnungen und Inventuren sowie Handelspraktiken belegt das Erfordernis von Situationsanalysen, von denen ausgehend der Unternehmer seine Ziele und Strategien neu orientieren konnte. Die bisherigen stichprobenartigen Vorarbeiten zu diesen Quellen(gruppen) zeigen weiterhin, dass die ausge-wählten Unternehmungen im Laufe im Gefolge des Kommerzialisierungsprozesses zunehmend neue Medien der Buchhaltung (z.B. ‚Bilanz‘), des Zahlungsverkehrs (Wechsel) und des professionalisierten Wissensmanagements (z.B. Handelspraktiken) nutzten. Diese wurden damit zu wesentlichen Instrumenten sowohl von deren Resilienz-Management (im Sinne von adaptive resilience) als auch von deren Innovationsmanagement, da sie diese zugleich für die Stärkung ihrer Resilienz und ihren Einstieg in aus ihrer Perspektive innovative Geschäftszweige nutzten.
Die aus der Perspektive des Resilienz-Managements daher höchst aussagekräftigen, gleichwohl bislang überhaupt nicht oder nicht unter diesem Gesichtspunkt ausgewerteten Quellen(gruppen) werden durch spreadsheet-Analyse in einem neu entwickelten Verfahren in der Form von Kontenblättern aufbereitet (Isenmann 2015b), um zunächst die Situation der einzelnen Unternehmung, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre Vulnerabilität gegenüber dem Kommerzialisierungsprozess zu analysieren. In einem zweiten Schritt werden dann, aufbauend auf der relationalen Untersuchung der verschiedenen Instrumente des Resilienz-Managements, Vergleiche zwischen den fünf Unternehmen bezüglich Unternehmensstrukturen, Handels- und Geschäftspraxis sowie dem unternehmerischen Handeln vorgenommen, daraus die jeweiligen Resilienz-Strategien und Methoden ihrer Umsetzung abstrahiert und nach ihrem Erfolg beurteilt. Dabei ist freilich noch offen, ob und inwieweit die für die untersuchten Unternehmen gefundenen Ergebnisse dann für die ‚oberdeutsche Hochfinanz‘ an sich generalisierbar sind. Insgesamt zeigt dieses Projekt in einer Langzeitanalyse von den 1520er bis zu den 1590er Jahren die Herausbildung und Entwicklung von Resilienz-Strukturen einerseits auf der Ebene der Hochfinanz und andererseits im Raum der oberdeutschen Städte.