Resilienz-Management in Handel, Transport und Finanzwesen zwischen Elbe und Weichsel: Die Handelshäuser Loitz, Grieben und Lindholz, 1544–1576

Projektleiter: Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhard Fouquet, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel / Prof. Dr. Markus A. Denzel
ProjektmitarbeiterInnen: Dr. Werner Scheltjens, Claudia Jäger M.A.
Kooperationspartnerin: Prof. Dr. Aleksandra Lipińska, Ludwig-Maximilians-Universität München (Institut für Kunstgeschichte)

Den Kommerzialisierungsprozess des 16. Jh.s im Ostseeraum reflektiert besonders markant die umfangreiche Überlieferung der Stettiner Multi-Unternehmer Gebr. Loytz, der „Fugger des Nordens“. In einer Zeit sich umfassend wandelnder Handelsstrukturen agierten sie im internationalen Ochsen-, Getreide- und Salzhandel, als Transportunternehmer in der See- und Flussschifffahrt (v.a. auf der Oder) und als ‚Hofbankiers‘ Kurfürst Joachims II. von Brandenburg. Mit ihrem Import von französischem Baien-Salz über das Meer und im Gegenzug dem Export von Getreide aus Danzig nach Westeuropa waren sie aktive Gestalter der kommerziellen Veränderungen in Schlüsselsektoren des Ostseehandels in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s, woraus sie ihre Finanzkraft für Kredite an den Kurfürsten und den regionalen Adel sowie zur Gewinnung von Monopolen für die ‚Besalzung‘ Kurbrandenburgs und Schlesiens gewannen. Mit ihren internationalen Handels-, Transport- und Finanzdienstleistungen etablierten sie ein kommerzielles Netzwerk, das von südlich der Elbe bis zur Weichsel reichte und innerhalb dessen Joachim und Jacob Grieben aus Leipzig sowie Andreas Lindholz aus Berlin erstrangige Geschäftspartner und spätere Konkurrenten wurden. Trotz eines aus-gedehnten Resilienz-Managements mittels Buchführung, zunehmendem Gebrauch von Versicherungen etc.in den 1550er und 1560er Jahren gelang es den Gebr. Loytz nicht, einen nachhaltigen Unternehmenserfolg zu gewährleisten: 1572 führten ihre enormen finanziellen Verpflichtungen zum Bankrott, als die polnische Krone ihren Darlehensverpflichtungen nicht mehr nachkam. Aus diesem Befund leitet sich als Hauptthese des Projektes ab, dass der regionale und internationale Streit um die Märkte im Ostseeraum, um die Freiheit der Schifffahrt auf der Oder und um die Teilhabe der polnischen Ritterschaft am internationalen Getreidehandel die Gebr. Loytz im Sinne eines aktiven ecosystem resilience-Managements veranlasste, enge finanzielle Beziehungen mit Grundbesitzern, Adligen und Fürsten aufzubauen, um die kommerzielle Expansion des Unternehmens voranzutreiben und langfristig zu sichern. Warum konnte diese hochriskante Resilienz-Strategie über mehr als 20 Jahre den Unternehmenserfolg garantieren, verfing aber dann in einem entscheidenden Moment nicht mehr?
Im Mittelpunkt der Analyse der sich im Sinne von adaptive resilience an die veränderten Handelsstrukturen anpassenden Geschäftspraxis der Gebr. Loytz stehen deren Rechnungs-bücher (1566–1571) und Prozessakten (1572–1576) sowie ihre ausführliche Korrespondenz mit Jacob Grieben in Leipzig und Andreas Lindholz in Berlin, die über die Geschäftstätigkeit von den 1540er bis in die 1560er Jahre Auskunft geben. Hinzu kommen reichhaltige Bestände zur Tätigkeit der Loytz in der Salinenproduktion in Lüneburg und Wieliczka sowie in der Oderschifffahrt. Weder die Rechnungsbücher noch die Prozessakten wurden bislang einer spezifischen Analyse unterzogen, welche die Ergebnisse in einen breiteren Kontext von regionalen und internationalen Geschäftsbeziehungen eingebunden hätte. Aufgrund der Quellenfülle und -vielfalt bietet sich eine zeitliche Zweiteilung innerhalb des Projektes an: Im ersten Teil des Projektes werden der Auf- und zwischenzeitliche Abstieg der Loytz von 1544 bis 1559 analysiert, wobei vor allem die gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Joachim II. und Grieben aus Leipzig als Folge des misslungenen Ochsenhandels und das erste Engagement im Salinenwesen von Lüneburg und Wieliczka bei Krakau in den Blick genommen werden. Im zweiten Teil des Projektes, der die Jahre von 1560 bis 1576 umfasst, wird eine Mikroanalyse der Rechnungsbücher des Danziger Kontors der Loytz und ihrer Prozessakten nach 1572 angestrebt, ergänzt um die Auswertung der Korrespondenz der Loytz mit ihrem Berliner Geschäftspartner Lindholz. Die Kombination von Korrespondenz, Prozess- und Handelsakten mit den erhaltenen Rechnungsbüchern bildet ein geradezu ideales Quellenkorpus für die Analyse von Resilienz-Management from below als einem iterativen Prozess in seiner engen Verflechtung mit der Kommerzialisierung des 16. Jh.s.
Der methodische Fokus des Projekts liegt auf einer detaillierten Quellenuntersuchung, die im Falle der Rechnungsbücher in Form einer spreadsheet-Analyse, bei den Prozessakten und Korrespondenzen in Regestenform vorgenommen wird. Inhaltlich konzentriert sich die Untersuchung auf die Frage, welche Resilienz-Strategien und -Instrumente mit welchem Erfolg eingesetzt wurden, wie sich diese im Zuge des Kommerzialisierungsprozesses veränderten und warum sie letztlich scheiterten. Kann dabei der schrittweise Einstieg der Gebr. Loytz in das riskante Finanz- und Kreditgeschäft als eine spezifische engineering resilience-Strategie interpretiert werden, oder bedurfte es verschiedener begleitender Strategien, um dieses Risikoerhöhung abzusichern? Und welche traditionellen bzw. im Kommerzialisierungsprozess des 16. Jh.s neu in den Ostseeraum eingeführten Resilienz-Instrumente kamen dabei – im Sinne von Innovationsmanagement – zum Einsatz?
Die Analyse der breitgefächerten unternehmerischen Tätigkeit der Gebr. Loytz unter Einbe-ziehung von zweien ihrer Geschäftspartner und Konkurrenten mit räumlichen Schwerpunkten in Stettin, Danzig, Leipzig, Berlin und Lüneburg bietet innerhalb des Gesamtforschungsvorhabens einen Kontrapunkt zu den großenteils auf den oberdeutschen Raum konzentrierten Vorhaben. Allein die Herausarbeitung und detaillierte Untersuchung der bei den Gebr. Loytz, Grieben und Lind-holm gebräuchlichen Resilienz-Instrumente vermag erstmals quellenbasierte Aussagen dar-über zu gewähren, ob bzw. inwieweit von einem in der Forschung vielfach behaupteten „innovatorischen Rückstand“ im Handel und Finanzwesen des Ostseeraums während des Kommerzialisierungsprozesses des 16. Jh.s die Rede sein kann. Insgesamt wird unter dem Fokus des Resilienz-Managements ein vertiefter Einblick in die späthansische Handelswelt des südlichen Ostseeraums und seines weiten Hinterlandes präsentiert, der das Spannungsfeld von Resilienz-Management und zunehmender Risikobereitschaft vertieft analysiert.